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Krankenhaus Bruneck | 26.09.2018 | 12:47

„Vergessen“ – Das Sozialkunstprojekt zum Welttag der Psychischen Gesundheit in Bruneck

Seit neun Monaten arbeitet ein Team von Psychiatriepatienten, Mitgliedern der Selbsthilfevereinigung „Lichtung/Girasole“ und Künstlern fieberhaft zusammen, um „Vergessen“ sichtbar und erlebbar zu machen.

VergessenZoomansichtVergessen

Es handelt sich um das landesweit größte Einzelprojekt zur psychischen Gesundheit im Oktober, nimmt den Europäischen Tag der Depression am 1. Oktober, den Welttag der psychischen Gesundheit am 10. des Monats und den Nationalen Tag der Depression am 20. Oktober zum Anlass, um alles zusammen zu fassen, was in die Richtung von Aufklärung und Sensibilisierung zielt, und künstlerisch darzustellen, wie vielschichtig „Vergessen“ sein kann. Die bekannten Künstlerinnen Maria Walcher aus Innsbruck und Sylvie Riant aus Paris entwickeln zusammen mit Menschen, die direkt oder indirekt Psychiatrieerfahrung haben, Kunstwerke besonderer Art. Es sind manchmal eigenwillige, zum Denken anregende Objekte, dann wieder Orte der Nachdenklichkeit, anderswo auch traditionelle Bilder und Gemälde. Sie sollen dazu verleiten, die Vielschichtigkeit des Vergessens zu begreifen. Vergessen ist eine Krankheit, wenn sie das Kurzzeitgedächtnis zersetzt, ist wohl ein Abwehrmechanismus bei eigener Schuld wie im Nationalsozialismus oder anderen Diktaturen, ist aber auch Hilfe, um neuen Erfahrungen rasch Platz zu machen, und ist bei der Überwindung von seelischem Leid eine Gabe, die nicht genug geschätzt werden kann. Heute hat jeder stärker belastete Mensch über 40 Angst, an Alzheimer zu leiden, weil er zu viel vergesse. Wie groß aber die Anforderungen an unser Gedächtnis geworden sind, wie rasch wir umschalten und dazulernen sollten, davon spricht kaum jemand.

Das Sozialkunstprojekt „Vergessen“ will einen modernen Mythos so erzählen, dass die zutiefst menschliche Wesenheit zutage tritt. Es ist das letzte einer Reihe von Projekten, die jährlich im Oktober in der großartigen, einem Flughafen gleichenden Eingangshalle des Krankenhauses Bruneck stattfinden, und alle von Rotary gefördert worden sind. Heuer sind erstmals alle Rotary-Clubs Südtirols als Sponsoren beteiligt, um deutlich zu machen, wie sehr Hilfsorganisationen des ganzen Landes am Schicksal psychisch Kranker teilnehmen. Man braucht nicht nach Afrika zu schauen - Größte Not gibt es auch bei uns, nur ist sie nicht immer Hungersnot.

Eine ganze Reihe von Organisationen unterstützt diesen kreativen Umgang mit dem Vergessen ideell. Wie immer an erster Stelle die Selbsthilfevereinigung psychisch Kranker „Lichtung“ und der Verein „Ariadne“, diesmal auch der gesamte Sanitätsbetrieb mit dem Brunecker Bezirk im Besonderen, aber auch das Netzwerk „Europäische Allianz gegen Depression“ und die „European Depression Association“. Was vielen Menschen nicht bekannt ist: Auch und gerade bei Depression tritt der Eindruck auf, besonders vergesslich und schlecht konzentriert zu sein. Bei diesem Thema darf auch „Alzheimer Südtirol Alto Adige“ mit seinem rührigen Präsidenten Dr. Ulrich Seitz nicht fehlen. Die hilfreiche Kooperation verschiedener Organisationen zeigt, dass Netzwerkarbeit einen Mehrwert darstellt. Entsprechend wird die Initiative auch staatsweit und in Europa wahrgenommen.

Südtirol und das Brunecker Krankenhaus sind für verschiedene exzellente Sozialkunstprojekte inzwischen berühmt. 2013 entstand, immer unter Anleitung von Sylvie Riant, „La vie en rose“, der Leitsatz eines Chansons von Edith Piaf, mit dem sie ausdrücken wollte, dass jeder sich selbst seine rosa Brille aufsetzen muss, wenn er die Welt so erleben will. 2014 waren „Magische Momente“ mit iranischen Dichtern und Fotokünstlern das Motiv, 2015 „Engel“, 2016 „Licht“, 2017 „Träume“. Immer ging es um Spurensuche der Kraft auch dort, wo man sie nicht mehr vermutet. Das Echo der Öffentlichkeit belohnt diese Suche: Südtirol ist über das Wesen der Krankheit Depression besser aufgeklärt als untersuchte Kollektive in anderen Staaten. In Russland halten 34%, in England 73% und in Deutschland 74% der Befragten Depression für eine Krankheit – in Südtirol sind es stolze 80 %. Dieser Umstand gibt den Beleg, dass sich engagierte Kulturarbeit grade im Gesundheitswesen lohnt und verstärkt fortgesetzt werden soll.

Das heurige Projekt wird am Donnerstag, den 27.9.18 um 18 Uhr in der Eingangshalle des Krankenhauses Bruneck feierlich eröffnet. Am Welttag der psychischen Gesundheit veranstaltet die „Lichtung“ eine Podiumsdiskussion zum Thema „Vergessen“ am selben Ort mit Beginn um 19.30 Uhr. Beide Veranstaltungen stehen allen Interessierten offen.

Presse-Informationen:
Prim. Dr. Roger Pycha, Beauftragter des Gesundheitswesens im Projekt, Vertreter von European Alliance Against Depression und European Depression Association

(RP)



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